Jan.
31
Gertrud Leutenegger – Hottinger Literaturgespräche


Weit über 120 Literaturbegeisterte versammelten sich am 31. Januar im Kirchgemeindehaus Hottingen, um Gertrud Leutenegger live zu erleben. Die Autorin verstand es hervorragend, Passagen aus ihren Werken lebendig vorzutragen. Ebenso eindrücklich waren ihre Erläuterungen zur eigenen Arbeitsweise, zur Entstehung ihrer Romane – und zur Magie des Schreibens.
Besonders faszinierend: ihre Erzählung aus der Kindheit. Als kleines Mädchen spielte sie mit einem eigenen Kaufmannsladen – doch als keine Kundschaft mehr kam, erfand sie einfach welche. Ganze Reihen virtueller Kundinnen entstanden, jede mit einem eigenen Namen, einem Lebenslauf und charakteristischen Eigenheiten. Bereits damals zeigte sich ihr Erzähltalent – frei, erfinderisch und wunderbar spielerisch.
Ihre frühen Romane Vorabend und Ninive gelten als erste Wegmarken in einem literarischen Kosmos, der von Themen wie Kindheit, Liebe und Tod durchzogen ist. Diese Motive tauchen immer wieder auf – stets neu gestaltet, stets poetisch verdichtet.
Der Roman Panischer Frühling, der im März erschien, wirkt wie eine Art Coda ihres bisherigen Schaffens. Auch hier ist die Form des Stadtrundgangs zentral – einst durch Zürich (1975), nun durch London (2014). Und mit der Figur des Zeitungsjungen Jonathan verweist das Buch auf Ninive, wo einst Fabizio im nächtlichen Berlin Zeitungen verkaufte.
In ihrem kurzen NZZ-Text Mein Stil, den sie beim Gespräch ebenfalls vorlas, beschreibt sie das Wesen ihres Schreibens mit berührenden Worten:
„Wie fordert uns das Leben heraus, immer leichter zu werden.“
Und weiter: „Im Innern nimmt das einst Sichtbare Zuflucht, erwacht zu fernem Klang, steht als ungreifbare Architektur wieder auf – wird Rhythmus, Glanz.“
Text: Charles Linsmayer
Foto: Manfred Utzinger, utzi-foto.ch
