„Das war aufmüpfig“

Appenzeller Zeitung

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Szenen aus fünf Erzählungen: Oliver Daume und Daniel Ludwig. (Bild: Manfred Utzinger)

Als Zweipersonenstück präsentiert Charles Linsmayer den 30. Band seiner Edition «Reprinted by Huber», Otto Freis Steckborner Pentalogie «Bis sich Nacht in die Augen senkt».

DIETER LANGHART

Herr Linsmayer, warum war die Premiere Ihres Theaterstücks nach Texten von Otto Frei in Bern und nicht an Freis Geburtsort Steckborn?

Charles Linsmayer: Weil sein Regisseur, Markus Keller, der Leiter des Berner Theaters an der Effingerstrasse ist.

Sie haben bereits andere von Ihnen editierte Werke szenisch dargeboten. Reagiert das Publikum anders, erreichen Sie ein anderes Publikum?

Linsmayer: Bei Otto Frei ist es erstmals ein wirklich gespieltes Theaterstück, sonst waren es Collagen aus Bildern, Texten und Filmausschnitten. Dieser Mix wird offenbar sehr geschätzt.

Orell Füssli hat den Frauenfelder Verlag Huber 2009 geschluckt. Warum stellt er die erfolgreiche Reihe «Reprinted by Huber» ein?

Linsmayer: Aus rein wirtschaftlichen Erwägungen. Man sagte mir, der Verlag wolle nur noch Bücher mit mindestens 60 000 verkauften Exemplaren machen.

Ist damit für Sie die Verbindung von Werkausgabe und ausführlichem Nachwort gestorben?

Linsmayer: Keineswegs. Basel hat bereits die Subvention für eine derart präsentierte Neuausgabe von Cécile Ines Loos‘ Roman «Matka Boska» bewilligt.

Sie haben ja nicht nur diese 30 Bände, sondern in früheren Reihen und einzeln insgesamt 114 Schweizer Bücher kommentiert neu herausgebracht. Was für eine Absicht steht hinter dieser immensen Produktion?

Linsmayer: Als Germanist halte ich mich fern von den sogenannt wissenschaftlichen Projekten, die mit Steuergeldern akademische Karrieren ermöglichen. Ich betreibe nicht akademische, sondern angewandte Literaturwissenschaft, und mein Zielpublikum ist die breite kulturelle Öffentlichkeit unseres Landes. Nur wenn es gelingt, sie mit einzubeziehen, macht es Sinn, Schweizer Literatur aller Landessprachen im grossen Stil neu präsent zu machen: als ein Element unserer nationalen Identität, das uns vitaler und intensiver zusammenhält als Grenzen, Gesetze und politische Programme.

Otto Frei war seit 1951 Auslandkorrespondent der NZZ, 1973 begann er zu schreiben. Warum?

Linsmayer: In «Rebell» hat Frei dazu gesagt: «Es liess sich leben mit dem Journalismus, der geht nicht ins Mark, der zehrt kaum an der Substanz, weil er nur platte Wirklichkeit beschreibt. Aber dann kam die Neugier, es mit dem Tod zu versuchen, ihm ins Handwerk zu pfuschen, gegen das Gesetz der Zeit anzurennen.»

Sie schreiben in Ihrem biographischen Nachwort, die Kritik habe Freis Bücher als «unzeitgemässe, harmlos burleske, ländlich provinzielle Unterhaltungsliteratur» wahrgenommen. Weshalb sie neu auflegen?

Linsmayer: Eine Zeit, in der linkes Engagement Trumpf war, hat die Werke des NZZ-Redaktors natürlich als etwas Konservatives eingeschätzt. Aber sie sind im Grunde ebenso aufmüpfig wie jene der linken 68er – das allein ist schon ein Grund, um sie einem vorurteilslosen Publikum nochmals vorzulegen.

Frei stand also quer zur damaligen Schweizer Literaturlandschaft – Frisch, Muschg oder Jaeggi waren angesagt. Was war, positiv gesehen, Freis Stärke?

Linsmayer: Die träfe, vom Thurgauer Dialekt beeinflusste Sprache, die Fähigkeit, Personen mit wenigen Strichen zu charakterisieren, der Weitblick, die Begabung, einer an sich banalen Geschichte mythische Tiefe zu verleihen.

Und wo hat er literarisch versagt?

Linsmayer: Als Dramatiker. Leider kam er nie auf die Idee, statt Kennedy und Chruschtschow die Figuren der Steckborner Romane auf die Bühne zu stellen.

Wie hat Otto Frei seine Heimat Steckborn, den See, die Zeit damals abgebildet?

Linsmayer: Im vierten Roman des Zyklus lässt er seinen Bruder auf die ewige Seligkeit verzichten, weil er den See und den Thurgauer Seerücken nicht loslassen kann. Frei hat einen dichterischen, gelegentlich auch nostalgischen Blick auf diese Landschaft, wirkt der Verklärung aber entgegen, indem er erschütternde Schicksale von Beleidigten und Zukurzgekommenen in sie hineinstellt.

Otto Frei: Bis sich Nacht in die Augen senkt. Die Steckborner Pentalogie, Huber 2013, 520 S., Fr. 42.–

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